HUBER.HUBER

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Fokus KUNSTBULLETIN 7/8.2015

huber.huber - Und plötzlich ging die Sonne unter

von: Deborah Keller

Das Jubiläumsjahr 2015 gab schon viel zu reden. Die Schlacht von Marignano ist nicht die einzige, die gefeiert wird, und die Frage nach deren Bedeutung für die Schweizer Neutralität nicht die interessanteste, die gestellt werden kann. Das Künstlerduo huber.huber thematisiert in einer Ausstellung im Aargauer Kunsthaus die sich ebenfalls jährende Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen 1415. Zwischen den Zeilen der Historio­gafie suchen sie nach den Schattenseiten der vergangenen Ereignisse, nach dem Individuum im Kriegsgeschehen und nach Parallelen zur Gegenwart.

Im Untergeschoss des Aargauer Kunsthauses wird es aktuell im Stundentakt düster. Die wenigen Exponate im Raum – zwei milchig getönte Quader auf Sockeln und eine Art Vorhang dahinter – sind dann nur noch vage erkennbar, im Widerschein eines senkrecht montierten Flachbildschirms, auf dem eine Hand unaufhörlich den Wechsel vom Victory- oder Peace-Zeichen zur Pistolengeste vollführt.
Als Ausgangslage zu dieser kargen Installation, die im Vorraum von einem fotografierten runden Etwas und einem «Schneewittchensarg» für Metallhandschuhe ergänzt wird, diente den Zürcher Zwillingsbrüdern Markus und Reto Huber die Eroberung der habsburgisch beherrschten Aargauergebiete durch die Eidgenossen 1415. Im ganzen Kanton erinnert heuer ein vielfältiges Programm von Ausstellungen, Vorträgen und kulturellen Veranstaltungen an dieses wichtige Ereignis, das im Schatten von Marignano seinen Platz in der Schweizer Geschichtsschreibung geltend macht: Es wird als Grundlage für die Entwicklung eines handlungsfähigen Gesamtstaates gefeiert, wurden doch im Aargau die ersten Gemeinen Herrschaften der Alten Eidgenossenschaft errichtet.

Spurensuche
Wer nun die Collagen, Zeichnungen, Objekte und Fotografien von huber.huber kennt, weiss, dass sie der politischen Überhöhung der historischen Sachlage skeptisch begegnen werden. Eine kritisch fragende Haltung ist ihren Werken eigen, wobei oft die kuriosen Wege der zivilisatorischen Errungenschaften und die Dominanzverhältnisse zwischen Mensch und Natur im Fokus stehen. Motivisch schöpfen sie aus einem Fundus von antiquarischen Drucksachen oder dem Internet, inhaltlich aus breit gefächerten Recherchen. Letztere führten das Künstlerduo schon früher zum Themenkomplex Krieg und Verklärung, namentlich zum selbsternannten Friedens­apostel Max Daetwyler, der 1933 in der Zürcher Antonius-Kirche mit weisser Ölfarbe einen fürbittenden Soldaten aus einem Wandgemälde tilgte. Gut abgeschirmt von der Presse und rasch rückgängig gemacht wurde die «Schandtat» erst 2009 öffentlich sichtbar, als das historische Fotoarchiv der Stadtpolizei Zürich zugänglich wurde. huber.huber haben das dort verwahrte Foto vom Tatort als grossformatige Kohlezeichnung umgesetzt – ein Blatt, das sich seit 2011 in der Sammlung des Aargauer Kunsthauses befindet.
Als dann die Einladung zur Jubiläumsschau erfolgte, war für die Brüder rasch klar, dass das Bild des edlen Ritters, der die Aargauer von den Habsburgern befreite, einer Brechung bedurfte, dass statt der glorreichen Eroberung die Realität des Kriegs ins Zentrum gerückt und das Individuum im Geschehen ausfindig gemacht werden soll – als Opfer wie auch als Täter. Zudem sollte der habsburgischen Vision eines Reichs, in dem die Sonne nie untergeht, der ewige Zyklus von Tag und Nacht begegnen.
Ein bisschen überrascht zunächst die minimalistische Anmutung der Gesamt­installation, die keine unmittelbare Erschütterung über die Untaten der historischen Schlachten oder Empathie mit den Opfern fördert. Die Ausstellung braucht Zeit, um zu wirken, denn huber.huber bieten dem Publikum eine Art Spurensuche an, wohl wissend, dass sich in einer Spur stets das Abwesende manifestiert.
Exemplarisch dafür steht das Schwarzweissfoto eines runden Objekts am Eingang der Schau: Es zeigt stark vergrössert und aus ungewohnter Perspektive das Siegel, das den Kapitulationsbrief der Stadt Zofingen beglaubigte. Nicht die Vorderseite mit dem Stadtwappen, sondern die sonst nicht sichtbare Rückseite ist abgelichtet, die deutliche Fingerabdrücke aufweist. Hier wurde für die Künstler bei ihrer Archivrecherche endlich ein Individuum wahrnehmbar, während ansonsten kaum Berichte zu den vom Krieg betroffenen Menschen gefunden werden konnten. Die Geschichte des ruhmreichen Feldzugs von 1415, der sich in nur einem Monat vollzog, kennt die Eidgenossen als Sieger und die Habsburger als Verlierer, sowie die eroberten Städte, die von der einen Herrschaft zur anderen wechselten, was heute Grund zum Feiern ist. Wie es den Stadtbürger/innen damals erging, bleibt aussen vor. Eine solche Historiografie lässt sich in zwei Gesten fassen, wie sie das bereits genannte Video in der Ausstellung inszeniert: Auf die Aggression der Pistole folgt ein Sieg. Darauf folgt wieder eine Aggression, dann wieder ein Sieg, und so weiter. Die Opfer der angedeuteten Schüsse liegen jenseits des Kamerablickfelds. Mit der heute ebenfalls zele­brierten Niederlage von Marignano 1515 fand diese Ereigniskette für die Eidgenossen ein bis heute währendes Ende. Nicht weit von unserer «neutralen Zone» aber zeugen Konflikte vom repetitiven Charakter der Geschichte, der in den immerwährenden Ansprüchen auf Territorien, Macht oder religiöse Obrigkeit begründet ist. Ein Sieg geht dabei nicht immer einher mit Frieden, wenn auch die symbolische V-Geste von Mittel-und Zeigefinger aus dem Video paradoxerweise beides vereint.

Von Handlungen und Verletzungen
Schon in anderen Werken von huber.huber spielte die Hand eine wichtige, sinnbildliche Rolle. Ihre «Handhabungen» etwa dokumentieren als grossformatige, äus­serst kunstfertige Kohlezeichnungen wissenschaftliche Experimente, mit denen der Mensch in die Phänomenologie der Natur eingreift. Zupackende Hände präsentieren Vögel, Pflanzenteile oder ein Wolfsgebiss und stehen so für den vermeintlich allmächtigen Menschen gegenüber Flora und Fauna. Gleichzeitig verweist die Hand auf das Tun und damit auf die Verantwortung des Einzelnen im Kollektiv.
Davon spricht auch der Schneewittchensarg in Aarau, der im Grunde doch nur ­eine überdimensionierte Ausstellungvitrine ist. Der Leerraum um die darin platzierten Metallhandschuhe evoziert die Gestalt des Ritters, der mit gut geschützten Händen zur heldenhaften Tat auszog und der in dem Glasgefäss seine letzte Ruhe finden könnte. Das simple Arrangement verwischt eindrucksvoll die Grenze zwischen Täter und Opfer, zwischen Ehrerbietung und Anklage.
Der minimalistische Eindruck der Gesamtinstallation rührt wesentlich von den beiden zuerst genannten Ausstellungsstücken, die in dem sich stündlich verdunkelnden Raum positioniert sind. Im verkürzt angedeuteten «Sonnenzyklus», der im Ausstellungstitel widerhallt und ebenfalls auf das repetitive Moment der Weltgeschichte anspielt, ziehen zunächst die gallertartig wirkenden Quader die Aufmerksamkeit auf sich. Nur wer genau hinschaut, erkennt je einen Einschnitt in der Vorderseite der Objekte. Es handelt sich hier um Ballistikseifen, die Wissenschaftler/innen als Esatz für menschliches Gewebe dienen, um Verletzungen von modernen Schuss- und Stichwaffen zu simulieren. huber.huber prüften stattdessen, wie sich die mittelalterlichen Waffen Hellebarde und Schwert ausgewirkt haben könnten. Äusserst sauber sind die Einschnitte, welche die beiden brachialen Werkzeuge hinterlassen haben, deutlich anders als die Zerstörungen des ferngesteuerten, «entmenschlichten» Drohnenkriegs des 21. Jahrhunderts. Doch sind die wiederum nur als Spur vorhandenen Waffen von 1415 nicht weit entfernt von jenen, die neuerdings in den Reihen der Terrormiliz Islamischer Staat beispielsweise wieder zum Einsatz kommen.

Das, was bleibt
Der «Vorhang», der just hinter den beiden «Seifenskulpturen» in den Raum gehängt ist, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Patchwork aus hautfarbigen Verbandsbandagen, die fein säuberlich längs aneinandergenäht wurden. Verbandsmull ist damals wie heute das erste Hilfsmittel, um die Blutung einer klaffenden Wunde zu stoppen. Die farbliche Annäherung an den Hautteint hilft, die betroffene Stelle wieder fast heil erscheinen zu lassen. Wie schon beim Siegel entpuppt sich aber auch hier die Rückseite als Kehrseite: Die zur Wand gewandte Ansicht des Tuchs zeigt Nähte wie Narben und verweist so auf die bleibenden Spuren jeder Verletzung – im Kleinen wie im Grossen.
So nüchtern die Jubiläumsschau von huber.huber auf den ersten Blick auch wirkt, sie führt einprägsam vor Augen: Die glorreichen Ereignisse von damals, die wir 2015 feiern, sind die Kriege von heute, die wir gleichzeitig beklagen.
Deborah Keller ist Kunsthistorikerin, tätig in der Galerie Häusler Contemporary und als freie Kulturjournalistin in Zürich. deborah.keller.1@gmail.com

Bis: 16.08.2015

Reto Huber und Markus Huber, *1975, Münsterlingen (CH), leben und arbeiten in Zürich

2002-2005 Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich
2006-2007 Atelierstipendium New York der Stadt Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Und plötzlich ging die Sonne unter›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2014 ‹Land of Plenty›, Museum Bärengasse, Zürich
2013 ‹Fade to Black›, Vebikus, Schaffhausen
2011 ‹Break on Through to the Other Side›, Dienstgebäude, Zürich (kuratiert von Kathleen Bühler)
2009 ‹I cani non hanno anima›, Museo cantonale d'arte, Lugano
2008 ‹Before the Past›, Kunsthaus Glarus
2007 ‹Mikrouniversum›, Gallery C.G. Boerner, New York