HUBER.HUBER

Copyright 2019/20
huber.huber and the authors

Wiese

2019, Plakatdruck, Lambdaprint hinter farbigem Plexiglas, synthetischer Duft Cis-3-Hexenol (frisch geschnittenes Gras), Masse variabel

Die Spanne zwischen dem Natürlichen und Künstlichen sowie die vielschichtigen symbolischen Beziehungen, welche diese Spanne strukturieren, stehen im Zentrum des Schaffens des Künstlerduos huber.huber. Zu den bisherigen visuellen und dreidimensionalen Medien fügen sie ihrer Kunst nun eine weitere ästhetische Dimension dazu, welche hilft, nicht nur das komplexe Verhältnis heutiger Zeitgenossen zur Natur zur Diskussion zu stellen, sondern auch auf die steten Grenzverschiebungen zwischen künstlich und natürlich hinzuweisen sowie immer neue Dialoge zwischen den beiden Erkenntnisgenerierenden Methoden Wissenschaft und Kunst zu stiften. So binden sie in ihrer harmlos klingenden Installation Wiese auch das sinnliche Element Duft in den Diskurs rund um Natur und Zivilisation ein. Über die grossformatige fotografische Aufnahme einer Wiese in Schwarz-weiss montieren sie drei Wiesenstücke desselben Ortes hinter grünem Glas und gesellen dazu einen Diffusor, der gleichmässig Duft im Raum verteilt. Der Duft ist eine synthetische Komposition, welcher den Eindruck einer frisch gemähten Wiese simuliert. Es ist ein grasiger, leicht zum Metallischen neigender Geruch, der sofort Assoziationen an Barfusslaufen im Sommer, zufrieden weidende Kühe sowie Raufspiele in einer frisch gemähten Koppel weckt.

Wie schon in ihrer Installation Mnemosyne rufen die beiden Künstler mithilfe von Düften individuelle Erinnerungen wach, welche räumliche und sinnliche Wahrnehmungen erzeugen. Diese überlagern und beeinflussen die ästhetische Wahrnehmung und treiben das platonische Fragespiel – in welchem Verhältnis Wahrnehmung zu Wissen und Wahrheit steht – klug weiter. Nicht nur bleibt offen, wie stark wir unseren eigenen Wahrnehmungen wirklich trauen können, sondern werden wir offenkundig schnell Opfer unserer eigenen Sehnsüchte. Die Wahrnehmung entpuppt sich nämlich als künstlich erzeugte Illusion, welche Licht auf unser Verhältnis zur Natur wirft. Aufgeteilt in ihre Einzelbestandteile Struktur, Farbe und Geruch verleitet die Wiese zu einer tieferen Kontemplation ihres Wesens. Denn das Cis-3-Hexenol, welchen wir als wohligen Duft wahrnehmen, ist zugleich der Hilferuf einer Pflanze. Die freigesetzten Grünen Blattduftstoffe stammen von Verletzungen durch Fressfeinde oder Rasenmäher. Die Ausdünstung kurbelt einerseits die Wundheilung der Pflanze an und schützt diese vor bakteriellen Infektionen, andererseits dient sie als Kommunikationsmittel und soll Fressfeinde fernhalten oder Insekten anlocken, die Jagd auf diese Feinde machen.

Mit diesem Hintergrundwissen wird der Geruch nicht mehr ganz so harmlos erlebt. Das gleiche gilt für das visuelle Element der Installation. Denn die gezeigten Grasnarben sind Bilder von Bombenkratern in Helgoland, welche aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Sie wurden buchstäblich mit Gras überwachsen, genauso wie die Folgen des Krieges im kulturellen Gedächtnis zu verblassen beginnen. Statt Idylle präsentieren uns die beiden Künstler also das pure Gegenteil, nämlich die Spuren von kriegerischer Zerstörung, tausendfachem Leid und Tod. Wie der Pflanzenduft sind die visuellen Eindrücke nur so lange angenehm, wie man ihre Ursachen nicht kennt.

Verletzungen und Narben sind das eigentliche Thema dieser Installation. Ein Thema, das sich erst offenbart, wenn sinnliche Wahrnehmung auf intellektuelles Forschen trifft. Dabei streifen huber.huber auch ein Dilemma von jedweder mit Erinnerung und Gedenken operierender Kunst. Denn jede Erinnerung muss immer von neuem in gegenwärtiger Sinnlichkeit aktualisiert werden, ansonsten läuft sie Gefahr, dem Vergessen anheimzufallen. Diesem Umstand haben sie mit der olfaktorischen Spur, welche seit Marcel Proust zu den charakteristischen Erinnerungsmedien gehört, Rechnung getragen.

Kathleen Bühler

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