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Arte Hotel Bregaglia 2011 (Projekt-Seite)

Hotel Bregaglia, Promontogno CH
26. Juni bis 1. Oktober 2011

Curator: Luciano Fasciati, Céline Gaillard (Assistance)

Artists: Judith Albert, Evelina Cajacob, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Conrad J. Godly, Isabelle Krieg, Roman Signer, Jules Spinatsch und Wiedemann/Mettler, Remo Albert Alig, huber.huber Gaudenz Signorell

Erfolgsgeschichte mit Fortsetzung

Das im 2010 durchgeführte Kunstereignis ‚Arte Hotel Bregaglia’ hat sich zur Erfolgsgeschichte entwickelt. Die letztjährigen Interventionen sind auf ein grosses, sehr positives Echo weit über die Region hinaus gestossen und die Ausstellung wurde rege besucht.
Als einmaliger Anlass gedacht, wird nun der Erfolg und die entstandene Dynamik genutzt, um in diesem Jahr eine Fortsetzung von ‚Arte Hotel Bregaglia’ zu realisieren.
Gezeigt werden elf unterschiedliche Künstlerpositionen mit über zwanzig Werkbeiträgen. Gemeinsam ist den Kunstschaffenden, dass sie mit einem konzeptionellen Anspruch arbeiten und in ihren Werken gesellschaftlich relevante Fragen aufwerfen. (...)
Die Arbeiten und Eingriffe passen sich mit bewusster Zurückhaltung der jeweiligen räumlichen Situation an. Die eine oder andere wird wohl erst auf den zweiten Blick entdeckt.
Die Kunst der Gegenwart türmt sich in der Schweiz in den Kulturzentren Basel, Zürich, Genf. Der internationale Wettbewerb führt zu einer Konzentration von neuen, aber leider nur zu häufig kurzatmigen oder oberflächlichen Ideen. Dass an der Peripherie zur italienischen Grenze an einem kleinen Ort mit gerade mal drei Restauranteinträgen in einem Hotel ohne Lift geschweige denn Internetanschluss im Sommer 2010 eine Ausstellung stattgefunden hat, die sich gegen jene in den grossen Metropolen durchaus behaupten konnte, beweist, dass Kunst sich auch an weniger bekannten Orten entfalten kann.
Das Hotel Bregaglia ist eines der wenigen Hotels, die noch weitgehend im Originalzustand (Eröffnungsjahr 1877) verblieben sind. Dass es nie einer umfassenden Renovation unterzogen wurde, kommt ihm heute zugute. Viel Charme ist noch von der Belle Époque zu spüren: Die historisierende Fassade, der architektonische Umriss mit dem Zweiflügelbau sowie zahlreiche Räumlichkeiten mit der originalen Dekorationsmalereien und vereinzelte Möbelstücke sprühen den Zeitgeist der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Kristallzucht
Die Installation von huber.huber scheint aus einem Labor zu stammen. In einem Metallgestell stehen je vier Zylindergläser auf fünf Regalen. In den Gläsern befindet sich eine Wasser-Salzlösung, mit der Kristalle gezüchtet werden: An einem dünnen Faden ist ein winziger Salzkristall befestigt, der in der Lösung während der Ausstellungsdauer zu einem stattlichen Kristall heranwächst. Die Installation macht ein künstlich initiiertes Naturphänomen beobachtbar. Bis zum Saisonende wird in jedem Glas ein künstlicher Kristall entstanden sein, was in der Natur viel langsamer vonstatten geht.
Die Arbeit thematisiert jedoch nicht nur die Relativität der Zeit, sondern setzt sich auch mit Klischees des touristischen Alpenraums auseinander. Die Labor-Installation mit ihrer Industriegestalt bewirkt im Hotel Bregaglia, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, Irritation und zugleich Faszination. Als Ausgangspunkt für Wanderungen stellt das Hotel ein Tor zu den Bergen dar. Sicher sind hier schon viele Strahler abgestiegen, die in der felsigen Umgebung nach Kristallen gesucht haben.
huber.huber nutzen den Effekt der Verfremdung, indem sie Labormobiliar in das heimelige Hotelambiente stellen, um auf das Verhältnis von Mensch und Natur einzugehen, um das ihr vielschichtiges Schaffen kreist. Ihr Interesse gilt dabei der ein-fachen Naturbeobachtung ebenso wie dem Phänomen der Überzüchtung, durch das sich der Mensch die Erde untertan macht.
Die Kunstschaffenden nehmen dabei eine besondere Stellung ein, da sie diese Phänomene einerseits reflektieren und sich andererseits seit Anbeginn als Schöpfer betätigen – durchaus auch nach der Natur, wovon Ovids Pygmalion beredtes Zeugnis ablegt. Bei der Zucht von Kristallen geht es um den rein ästhetischen Wert und um den Ehrgeiz, es der Natur gleichtun zu können oder sie gar zu übertreffen. Im Fall der Kristalle gelingt Letzteres sicher in zeitlicher Hinsicht. Die Faszination geht von der Findigkeit des Menschen und seiner Macht über die Natur aus, die er sich unter vielem anderen durch Gentechnologie und Zuchtexperimente aneignet. (Céline Gaillard)

Human-Made (Crystals)
Vierzehn Kohlezeichnungen von huber.huber bespielen den Frühstücksraum. Diese zeigen Kristalle, die ähnlich wie in einer wissenschaftlichen Abbildung erscheinen. Die angewandte Kohletechnik kommt der fotographischen Ästhetik sehr nahe. Wissenschaftliche Abbildungen erheben den Anspruch, eine Naturerscheinung präzise wiederzugeben; die human-made crystals von huber.huber sind jedoch nicht Abbildungen der Natur sondern des Eingriffes des Menschen in die Natur. Die Basis für die Zeichnungen bildeten nämlich Fotografien von Hobbykristallzüchtern.
Die einzelnen Zeichnungen unterscheiden sich durch ihre Form, ihre Positionen und die verschieden kräftige Farbgebung des Hintergrundes. Allen gemeinsam ist die eckige Grundform mit ihren Kanten, die durch die Lichtreflexion und die Weichheit der Kohle relativiert wird. Manche Kristalle scheinen förmlich in der Luft zu schweben. Jeder gezüchtete Kristall ist einzigartig und unterscheidet sich von den anderen; ähnlich wie die DNA des Menschen. Auch werden „Fehler“ sichtlich – nicht glatte Oberflächen oder andere Unreinheiten, die in ihrer natürlichen Erscheinung durch die Lichtreflektion kaum zum Vorschein treten. Was den Zeichnungen bleibt, ist eine traumhaft skurrile Erscheinung, wie aus einer geheimnisvoll entrückten Welt – eine Welt der Wissenschaft, der Züchtung und Manipulation, aber zugleich des Traumes und des Ehrgeizes nach perfekter Schönheit. So ist durch huber.huber einmal mehr ein poetisches, klares und kluges Werk zum Thema der Korrelation des Menschen und der Natur entstanden, das durch die Lokation in der friedvollen und entspannten Umgebung des Hotelfrühstücksraums eine spannende Zusammensetzung erfährt. (Céline Gaillard)

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