HUBER.HUBER

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huber.huber and the authors

Tages-Anzeiger / Züritipp 26.5.2020
Interview mit huber.huber von Paulina Szczesniak und Annik Hosmann

«WIR HABEN DEN BESTEN BERUF DER WELT»

Die Zwillingsbrüder Markus und Reto Huber machen seit 15 Jahren gemeinsam Kunst. Wie es dazu kam und wie sie die letzten Wochen erlebten.

Wie geht es Ihnen in dieser verrückten Zeit?
Reto Huber: Es geht uns gut. Klar ist im Hinterkopf immer der Gedanke, dass der Kunstmarkt längerfristig leidet, dass die Politik nicht bei der Armee sparen wird, sondern bei Sozialausgaben, bei der Bildung und sicher bei der Kultur. Das dämpft den Arbeitselan schon. Und leider haben wir die letzten Wochen auch nicht zur Selbstoptimierung genutzt, weder zwei Romane pro Tag gelesen noch mit Joggen angefangen. Markus Huber: Wir haben nicht mal ein Bananenbrot gebacken. (lachen)

Das Politische spielt immer wieder in Ihre Arbeit hinein, etwa beim Kuhdraht aus echtem Gold, der mit der Schweizer Abschottungslust spielt. Sie äussern sich aber auch auf Facebook politisch.
Reto: Es macht keinen Sinn, politische Werke zu machen, aber das bisschen öffentliche Aufmerksamkeit, das man hat, nicht für dieselben Anliegen einzusetzen. Wenn die Leute Hefe hamstern, während virulente Themen wie Griechenland oder Syrien aus dem Fokus geraten, dann muss man Gegensteuer geben. Auch wenn das bedeutet, dass man nach dem einen oder anderen Post ein paar Follower weniger hat.

Ob politisch oder nicht, Ihre Werke haben oft etwas Verspieltes, Verträumtes… als würde man in einem Märchenbuch blättern.
Markus: Bei unserem ersten Buch hiess es oft, dass Kinder es gern anschauen. Reto: Wir selbst finden Künstler spannend, die Geschichten erzählen. Eine gewisse Ästhetik ist uns wichtig, wobei wir dem Betrachter auch mal eine Falle stellen, dass er denkt, ‹oh, das ist aber ein schönes Bild›, und erst auf den zweiten Blick erkennt, dass es darin ums Fressen und Gefressenwerden geht. Kunst ist gut, wenn sie auf mehreren Ebenen funktioniert: der visuellen, der erzählerischen, der philosophischen. Markus: Und wenn einem ein Bild hängen bleibt, ohne dass man recht weiss, warum. Wenn die Ästhetik hierbei hilft, ist durchaus Platz dafür. Gute Kunst muss nicht abstossen.

Wessen Kunst mögen Sie?
Reto: Die alten Helden: Roman Signer, Pipilotti Rist, Fischli/Weiss. Die fanden wir schon mit 15 toll. Markus: Mit denen verbindet uns auch ein gewisser Humor im Werk.

Dieser Humor wird immer wieder als typisch für die Schweizer Kunst genannt. Woher kommt er?
Markus: Vielleicht aus der Vermischung von Dada mit den Konkreten? In dieser Schnittmenge fühlen wir uns jedenfalls auch wohl.

Zwischen den zwei Zürcher Kunstströmungen schlechthin, also! Was lieben Sie sonst an Zürich?
Markus: Den Sommer! Unser Atelier liegt in der Nähe der Werdinsel. Über Mittag nehmen wir oft einen Schwumm in der Limmat. Grossartig, wie dort alle zusammenkommen: der Banker und der Büezer, der Superbody und der etwas durchschnittlichere Körper. Solche Momente der Hierarchielosigkeit mögen wir sehr.

Sonst ist Zürich aber ja recht strukturiert…
Markus: Das macht das Leben einerseits angenehm, andererseits lässt es wenig Spontaneität zu. 2006 durften wir ein Stipendienjahr in New York verbringen; dort gehts schon anders ab, was die Kunst auf der Strasse betrifft. Man kann einen Pfosten pink anmalen, ohne dass er am nächsten Tag schon wieder übermalt ist. Und die New Yorker sind empfänglich für solche Sachen. Wir bauten damals Vogelhäuschen aus Abfall und hängten sie in der ganzen Stadt guerillamässig auf. Die Leute kamen hinzu, diskutierten, waren interessiert und begeisterungsfähig. Als wir die Aktion in Zürich wiederholten, blieb sie fast unbemerkt.

Pflegen Sie noch Kontakte zu New Yorkern?
Reto: Zu Künstlern, ja. Und zu einem Sushi-Restaurant. Das war immer leer, bis auf uns und den Pianisten von Patent Ochsner, der im selben Haus wohnte. Jeden Abend lief dieselbe CD, wir drei bestellten immer das Gleiche, es war wie in einem Jim-Jarmusch-Film. Mittlerweile brummt der Laden. Wir reden uns ein, wegen uns. (lachen)

Können Sie von Ihrer Kunst leben?
Markus: Wir haben beide ein kleines Pensum als Zeichenlehrer. Eine Zeit lang waren wir nicht mehr drauf angewiesen, doch in den letzten fünf Jahren wurde es viel härter im Kunstbusiness. Das sah man auch am Galeriensterben. Das Unterrichten gibt uns eine gewisse Sicherheit.

Wie erklären Sie sich diese Krise?
Reto: Es gibt immer weniger Sammler, die jung anfangen, intensiv zu sammeln. Viele gönnen sich lieber einmal etwas an der Art Basel, als wiederholt eine kleine Galerie zu unterstützen.
Markus: Dann die Verschiebung ins Design: Man bezahlt lieber 500 Franken für eine Tasche als für eine Lithografie.

Wenn Sie mal Pause von der Kunstszene und vom Kunstmachen brauchen, was machen Sie?
Markus: Mit Freunden kochen, einen guten Wein trinken, im Garten arbeiten. Reto: Und wir lesen viel, aktuell Sibylle Bergs «Brainfuck». Markus: Und wir versuchen, einmal pro Jahr ohne den anderen einen Monat zu verreisen, früher mehr per Flugzeug, heute mehr mit dem Zug.

Haben Sie Haustiere? Jedenfalls treten in Ihren Werken auffallend oft Tiere auf.
Reto: Ich hab zwei Katzen, Markus lebt derzeit tierlos. Als Kinder hatten wir Ratten, Zebrafinken und Hühner. Markus: In unserer Kunst thematisieren wir häufig den Menschen und wie er mit seinem Umfeld umgeht, da sind Tiere natürlich zentral. Ausserdem sind sie starke Symbole. Gerade Vögel, die für Freiheit, fürs Davonfliegen stehen oder, im Käfig, fürs Eingesperrtsein.

Ums Davonfliegen, ums Verreisen gehts auch in Ihrem neuen Buch.
Markus: Genau. Der Titel «Widersprüchliche Bewegungsreize» beschreibt die Ursache der Reisekrankheit. Das Buch ist ein Mix aus Fotografien, meist eben auf Reisen aufgenommen, Werken in anderen Techniken und Reisetagebuch der letzten zehn Jahre, mit ganz kurzen Textelementen zu kleinen Beobachtungen, schönen und weniger schönen, wie man sie beim Reisen macht.

Was macht Ihren Bruder zu einem guten Künstler?
Markus: Reto ist authentisch. Er macht genau das, was er will, auch wenn er damit aneckt. Die Kunst ist sein Leben, weit über das hinaus, was wir zusammen erschaffen. Reto: Markus bleibt hartnäckig an etwas dran, wenn er es wirklich will. Er ist neugierig. Und vor allem: Er hat wahnsinnig Freude an dem, was er tut. Markus: Stimmt, ich gehe jeden Tag extrem gern ins Atelier. Wir haben den besten Beruf der Welt.


Wie aus Markus und Reto Huber huber.huber wurde
Schon in der Schule fiel ihnen das Zeichnen leichter als die anderen Fächer, als Teenager richteten sie sich beim Nachbar im Keller ein Fotolabor ein. Später absolvierten sie die Lehre zum Koch, die gestalterische Mittelschule, die «Kunsti» – aber alles neben¬einander, nicht zusammen. Erstmals als Duo arbeiteten sie, als das Los sie für ein Projekt zum Team machte. Das fanden sie zunächst gewöhnungsbedürftig, merkten aber schnell, dass es wahnsinnig gut funktionierte. Das war der Wendepunkt beziehungsweise der Startschuss für huber.huber. Markus und Reto warfen alles, was sie vorher allein erschaffen hatten, weg – immerhin mehrere 110-Liter-Säcke voll Kunst – und gewannen mit einem der ersten gemeinsamen Werke prompt ein Atelierstipendium der Stadt -Zürich, das sie für ein Jahr nach New York führte. Soeben ist ihr neues Buch «Widersprüchliche Bewegungsreize» in der Edition Patrick Frey erschienen.

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